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„Runes and Men“ – Festival 2013 zu Leipzig

RandM13 Kopie

„When my loneliness closes in, so I drink a German whine, and drift in dreams of other lives and greater times.”

Jene vorausgehenden Zeilen entstammen einem der bekanntesten Stücke der Gruppe DEATH IN JUNE, dessen Titel einem Festival für Freunde neufolkloristischer Klänge den Namen geben sollte: „Runes and Men“.

Die zwei Tage überspannende Veranstaltung ging nun im Jahre 2013 in die zweite Runde und wurde diesmal statt in Dresden in der Stadt Leipzig ausgetragen. Mit Gruppen wie SONNE HAGAL, DARKWOOD oder auch SOL INVICTUS wurden den Musikbegeisterten allerhand Anreize geboten um dem Konzertreigen beizuwohnen. Als Veranstaltungsort wurde die „Theaterfabrik“ in Leutzsch gewählt, welche die Besonderheit aufwies, das der hintere Teil des Konzertsaals bestuhlt war, wodurch man den Formationen auch bequem im Sitzen zuhören konnte, vorausgesetzt natürlich man fand einen freien Platz. So machten wir uns am Freitag auf den Weg in die Messestadt.

Mit der Gruppe STEIN sollte um 19.30Uhr am Freitag das Festival eröffnet werden. Da wir jedoch zu diesem Zeitpunkt noch in der Straßenbahn saßen, welche uns zum Veranstaltungsort bringen sollte, lässt sich über den Auftakt leider nicht sonderlich viel berichten. An der Haltestelle „Rathaus Leutzsch“ ausgestiegen, folgten wir den weiteren Festivalbesuchern zum vermeintlichen Veranstaltungsort, ehe unsere Gruppe nach einigen Metern merkte, dass wir in die falsche Richtung gingen. Eine freundliche Einheimische brachte uns dann wieder auf den rechten Pfad, so dass wir die „Theaterfabrik“, wenn auch aufgrund des Irrwegs etwas verspätet, erreichten. Parallel zum Auftritt der ersten Gruppe fädelten wir uns in die Reihe der ebenfalls auf Entgegennahme der Eintrittskarte Wartenden ein und suchten nach den ersten bekannten Gesichtern. Überraschender- und glücklicherweise traf man nun so manchen Bekannten. Die bereits Anwesenden, welche wir vor dem Saal trafen, gaben Entwarnung. STEIN: Deutscher Neofolk, gut gespielt, aber eher unspektakulär. Es hatte damit den Anschein, als ob sich die Verluste, hervorgerufen durch das Verpassen der ersten Gruppe, in Grenzen hielten.

Zur Gruppe MARS versammelte man sich vor der Bühne und lauschte dem Duo, welches seine neue, im Hause „Lichterklang“ veröffentlichte, EP „Sacrifice“ vorstellte. Geboten wurde interessanter deutscher Neofolk, mit mal englischen und deutschen Texten. Das Instrumentarium war mit Schlagwerk und Gitarre eher klassisch, wurde aber durch den Einsatz, unter anderem, einer Kette oder einer Maultrommel aufgelockert. Thematisch reichte das Spektum von Zivilisationskritik, über die Weiten des Meeres bis hin zu kriegerischen Inhalten. Die Texte wurden wechselseitig oder gemeinsam vorgetragen was die Abwechslung erhöhte. Ferner sorgte eine Adaption des Stückes „Lord of Ages“ der Gruppe BLOOD AXIS für Begeisterung. Somit für uns ein gelungener Start in den Abend mit einem Duo, dessen weiteren musikalischen Werdegang es durchaus zu verfolgen gilt.

Im Anschluss bestiegen die Mannen von SONNE HAGAL die Bühne. Unterstützt wurde die Gruppe dabei vom beinahe omnipräsenten Kim Larsen am Schlagwerk und einem Gastmusiker am Cello. War das Publikum bei MARS noch eher verhalten, schien die Stimmung im Saal nun zu steigen. Mit Stücken wie „Eismahd“, „Flackerndes Feuer“, „Midsummernight“, „Who has seen the wind“ und manch älterem Stück wurde ein guter Zusammenschnitt aus dem bisherigen Schaffen der Gruppe geboten und die Anhänger feierten ihre Heroen entsprechend mit dem würdigen Applaus. Mein persönliches Glanzstück war dabei der Titel „Eismahd“, welcher eines der schönsten Stücke deutschen Neofolks darstellt. SONNE HAGAL bestritten einen souveränen Auftritt und untermauerten die Tatsache, dass sie nicht ohne Grund zu den besten Gruppen dieser Musikrichtung gehören. Nur schade war, dass das Stück „Rokh“ vom „Jordansfrost“-Album nicht von Herrn Larsen vorgetragen wurde. Man kann eben nicht alles haben.

Mit DARKWOOD stand nun eine meiner favorisierten Gruppen, und eigentlich mein musikalischer Hauptanreisegrund, vor dem Publikum. Recht martialisch ging es mit dem aus Trommeln, Geräuschkulisse und vorgetragenen Text bestehenden „Grillenspiel“ vom Album „Ins dunkle Land“ los. Darauf folgte eine Zusammenstellung der bekanntesten Stücke der Gruppe und selbst alle Wünsche, welche der Auftritt auf dem diesjährigen „WGT“ noch offen lies, wurden nun erfüllt. Es folgten (in ungeordneter Reihenfolge und als Auswahl): „Caucasian Tales“, „Like Chatter“, „Nothing left to loose“, „Flammend Morgen“, „Lied am Feuer“, „Verlorenes Heer“, „Ostenfeld“, „Winterrune“, „Der Falken Flug“, „Im Norden“ und eines meiner Lieblingsstücke der Gruppe: Die Gedichtvertonung „Deutsche Sonnenwende“. Ob mal englisch oder deutsch, mal verträumt oder kriegerisch, der Auftritt war einfach gelungen, abwechslungsreich und es bereitete einfach Freude den Klängen zu lauschen oder die Texte mitzusingen. Die aus Schlagwerk, Bass, Gitarre, Geige und Elektronik bestehenden Klanglandschaften nahmen Herz und Geist des Hörers gefangen und es entfaltete sich eine wohlige Atmosphäre, bzw. es entbrannte ein inneres Feuer, in welcher man gerne verweilte und den Liedern gebannt zuhörte. Ferner vermag die Gruppe etwas bei mir, was sonst nur während der Betrachtung alter Bauten, wie dem Völkerschlachtdenkmal, um in Leipzig zu bleiben, oder dem Lesen älterer Lyrik entsteht: Ich fühle mich deutsch. Und dies ist in einer Welt der Einebnung nationaler Besonderheiten und der Verdrängung der Herkunft wahrlich etwas Besonderes, weshalb ich der Gruppe um Henryk Vogel höchste Wertschätzung entgegenbringe. Also ein mehr als nur gelungener Auftritt, der alle Erwartungen noch übertraf.

Den Ausklang des Abends bestritt die Gruppe HEKATE. Dieser hatte ich bisher nicht so viel Aufmerksamkeit entgegenbringen können und wollen, was sich auch durch das Beiwohnen ihres gelungenen Auftritts nicht ändern wird. Die Liedauswahl bestand dabei aus älteren („Dans la Obscurité), neueren und ganz neuen Stücken, wie einer sehr schönen Vertonung von „Mondnacht“ von Joseph von Eichendorff. Speziell an HEKATE ist der Einsatz von bis zu drei Trommlern, was auf der Bühne eine gehörige Stimmung erzeugt und so natürlich zum Mitschunkeln einlädt. Nur scheint mir jene Art der Musik eher für den Einsatz in einer Taverne geeignet und bildete so einen gehörigen Kontrast zum Vorprogramm. Trotzdem gut gespielt, nur nicht unbedingt mein Fall, weshalb auch die Beschreibung eher gering ausfällt.

Nach dem Ende des musikalischen Programms verabschiedeten wir uns von den anwesenden Freunden und Kameraden, boten Henryk Vogel um das Signieren seines neuen Albums und machten uns auf den Weg in die Unterkunft. Nach einer beinahe einstündigen Busreise durch die Leipziger Nacht kamen wir wohlbehalten an. Der kommende Konzertabend stand ja auch noch bevor.

Rollei Rollei

Im Vorhinein entbrannten bereits Diskussionen, ob der Sonnabend aufgrund der weniger bekannten Gruppen, so kannte ich von den darbietenden Künstlern lediglich SOL INVICTUS und SIEBEN, besuchenswert sei oder nicht. Gerne würde ich nun schreiben, dass jene mit ihrem Fernbleiben die richtige Entscheidung trafen, dies trifft jedoch nicht zu. Aber der Reihe nach…

Wir blieben unserer Grundhaltung des Vortages treu und verpassten die erste Gruppe PARZIVAL, da wir die eigentlich anvisierte Straßenbahn verpassten. Es wurde allerdings berichtet, dass diese sehr gut gewesen sei, was auch immer das heißen möge.

Zu NAEVUS standen wir nahe der Bühne und lauschten den Stücken. Englischer Neofolk, bei welchem die Akustik- von zwei elektrischen Gitarren begleitet wurde, erklang, nur wollte der Funke nicht so richtig überspringen. Die Stücke waren gut und sauber gespielt, nur fehlte eine gewisse eigene Note. So dachten wir uns „Das geht ja gut los…“ und zogen uns zur Getränkebeschaffung aus dem Konzertsaal zurück.

Begleitet mit leisen Zweifeln über den weiteren Verlauf des Abends bezogen die Herren von JOY OF LIFE die Bühne um alle entstandenen Bedenken restlos zu zerstreuen. Bestehend aus Bass, Schlagwerk, Akkordeon und elektrischen Flächen erzeugte die Gruppe mal schmissige, mal verträumte Stücke und es kam eine sehr gute Stimmung im Saal auf. Besonders sei der Einsatz des Akkordeons erwähnt, der den Stücken einen eigenen Anstrich verlieh. Auch konnten die symphonischen Klangteppiche mehr als überzeugen und man fühlte sich an die Musik der 80er Jahre erinnert. Machen wir es kurz: Ich kannte die Gruppe vorher nicht, war aber sehr begeistert. Einen Liedtitel der Stücke konnte ich noch erhaschen: „Hear the Children“. Als Gastmusiker des Abends betrat Thomas Bøjden von DIE WEISSE ROSE die Bühne um die Gruppe mit einem Textvortrag und an den Trommeln zu unterstützen. Damit jedoch nicht genug: Die letzten zwei, drei Stücke wurden vom „Fanfarenzug Leipzig“ begleitet vorgetragen. Es war dabei sehr beeindruckend, als die zusätzlichen etwa zehn Schlagwerker und Schlagwerkerinnen lostrommelten. Ein dichter militaristischer Eindruck entstand mit dem Einsetzen der Pauken und Marschtrommeln und ein Drang nach Bewegung, (ja nach Veränderung?), überkam den Hörer. Machen wir es kurz: Ein sehr gelungener Auftritt und ich werde die Gruppe im Auge behalten.

Nun zu einer weiteren Unbekannten: EVI VINE. Die von mir aus Italien vermutete Dame kam eigentlich aus dem vereinigten Königreich und legte mit Ihren Stücken einen verträumten, wirklich sehr schönen Auftritt hin. Grundgerüst der Band war dabei die Rockmusik, die sich aus Bass, zwei elektronischen Gitarren, Schlagzeug und dem Gesang von Evi zusammensetzte. Wie ich lesen konnte, wurden die Klangwelten der Dame von der Fachpresse mit den Worten beschrieben, „als ob man jemandem beim Träumen zuschaue“. Und es war wirklich wie im Träume. Sanfte, entspannte, ruhige Rockstücke, über denen die ebenso zerbrechliche Stimme der Frontfrau ruhte und die den Hörer just ergriffen. Kurze härtere Eruptionen lockerten das Klangbild auf und sorgten für Abwechslung, zerstörten jedoch die gefühlvolle Atmosphäre nicht. Wie meine souverän charmante Begleitung feststellte, könnte als kleiner Anhaltspunkt für die Musik von EVI VINE die ruhigeren Stücke der Isländer von SOLSTAFIR dienen. Besonders im Ohr sind dabei die Stücke „Inside Her“ oder „Down“ hängen geblieben. Glücklich konnte sich nun Jener schätzen, der bei diesem Auftritt den liebsten Menschen umfassen konnte, wobei sich der Griff noch fester zog. Hierin bestand die logische Konsequenz der von der Bühne schwebenden Stücke: Musik für die ruhigen und zweisamen Momente im Leben. Was bleibt zu sagen? Einfach nur schön.

Nun betrat der „Teufelsgeiger“ Matt Howden bzw. die „Gruppe“ SIEBEN die Bühne. Mit seiner Fidel, die mal als Ersatz für das Schlagwerk, mal als Effektgerät für die Stimme diente, und dem Aufnahmegerät machte er sich an, das Publikum in Bewegung zu versetzen, was ihm auch gelang. Nun bin ich mit seiner Musik nicht wirklich vertraut, aber die verbreitete Spielfreude und entstehende Stimmung konnten durchaus begeistern. Das Publikum wogte in den Klangmeeren der Geige und auch ein paar Anlaufschwierigkeiten bei einzelnen Stücken konnte man dem sympathisch wirkenden Engländer nicht übel nehmen. Empfand ich den letzten Auftritt von SIEBEN nicht als realen Hörgenuss, wandelte sich heute mein Bild mit der Zahl gespielter Stücke. Klangen auch viele Lieder recht ähnlich, es machte einfach Spaß dem Briten zuzusehen bzw. zuzuhören. Ein guter und unterhaltsamer Auftritt.

Mit SOL INVICTUS bleiben wir in England und es folgte nun eine der „Mütter“ des Neofolk. Vorderst musste jedoch das Fehlen von Andrew King bemerkt werden, was den ersten Eindruck etwas trübte. Aber was soll es… Los ging es diesmal mit „We are the dead men“ vom „Devils Steed“-Album, was die Stimmung im Neofolkvolk bereits erhöhte. Es folgten nun in ungeordneter Reigenfolge: „Media“, „An English Garden“, „The Sawney bean“, „Eve”, „Old London weeps” „The blackleg Minor“, „All alone in her Nirvana“, „Black Easter“, „Believe me”, „Fall like Rain”, „In the Rain“, „The killing Tide“, „Abattoirs of Love“ und etliche mehr. Es wurde damit ein guter Überblick über das Schaffen der Band geboten, der sowohl den alteingesessenen Anhänger, als auch den Neuhörer begeistern konnte. Mir schien dennoch, als ob der Schwerpunkt diesmal auf dem „In the Rain“-Album lag… Wie dem auch sei, mit jedem zusätzlichem Stück wurden die Gesänge im Publikum lauter und dem Anschein nach feierte der gesamte Saal den Auftritt. Weiterhin wurde als Ausblick auf das neue Album „Mr. Cruel“ von der aktuellen „Hitsingle“ und ein weiteres Stück, bei dem es sich wohl um ein marxistisches Revoltelied handelte (was auch sehr rebellisch wirkte) gespielt. Wir sind auf das neue Werk somit gespannt. Bis auf die unnötig in die Länge gezogene „Spannungspause“ vor der Zugabe, ein sehr guter Auftritt der Briten, aber ich musste bisher auch keinem Schlechtem beiwohnen und ein gelungener Ausklang für ein gelungenes Festival.

Nach einem kurzen Plausch mit dem Umfeld von und mit EVI VINE, nebst schnell nachgeholter Unterschriftenbeschaffung (eine kleine Geste für die monumentale Größe), und der Rückgabe der Getränkebecher, die für dem abendlichen Preis leider nicht wie erhofft das beste Bier Großdeutschlands enthielten, ging es gegen 2 Uhr wieder in Richtung des Nachtbusses und über den üblichen Umsteigeposten zum Gästeunterschlupf.

Was bleibt festzuhalten? Zwei sehr gute und die eigenen Horizonte erweiternde musikalische Abende lagen hinter uns. Dabei ist im Besonderen die Gruppe DARKWOOD, neben den gewohnt sehr guten Gruppen SOL INVICUTUS und SONNE HAGAL, als Glanzstück des Festivals festzuhalten. Auch konnten mit JOY OF LIFE und EVI VINE zwei wirklich gute und interessante Gruppen entdeckt werden. MARS und SIEBEN überzeugten mit ihren Auftritten ebenso und um es kurz zu machen, wir sahen keine wirklich schlechte Gruppe. Die ausgewogene Bandauswahl bescherte eine breite musikalische Spanne zwischen verträumtem, apokalyptischem und kämpferischem Folk, mittelalterlichen Klängen und atmosphärischer Rockmusik und bot damit für fast jeden Musikgeschmack eine kleine Besonderheit, was die zwei Tage nicht eintönig werden ließ. Die „Theaterfabrik“ war als Lokalität sehr gut gewählt, wir schafften es übrigens nur einen und einen halben Auftritt sitzend zu genießen, und bot ausreichend Platz. Einziger Wehmutstropfen waren die erhöhten Getränkepreise, was man den Veranstaltern hoffentlich nicht vorwerfen kann, und wer will sich bei solch einer Bandauswahl eigentlich schon betrinken und die Gruppen verpassen? Die Festivalorganisation lässt sich im Allgemeinen als reibungslos bezeichnen und der durchweg hervorragende Klang der Anlage sollte ebenso erwähnt werden. Ferner waren die Beleuchtungseffekte sehr stimmig, was auch im visuellen Bereich einen sehr guten Eindruck hinterließ.

runesandmen

Also: Ein sehr interessantes und sehr professionelles Festival fernab des Mainstreams, dem ein langes Leben zu wünschen ist. Wir freuen uns auf das nächste Jahr.